> Intermediäre CFTR-Funktion als neuer Ansatz zum Verständnis von Bronchiektasen
Die Forschung im Bereich der Bronchiektasen hat in den vergangenen 15 Jahren eine deutliche Dynamik erfahren. Dennoch bleibt die zugrundeliegende Ursache bei etwa 38 Prozent der Fälle trotz umfassender Diagnostik ungeklärt, sodass die Erkrankung als idiopathisch eingestuft wird – wie Daten aus dem EMBARC-Register zeigen. Dieses weiterhin bestehende klinische Problem steht im Fokus einer aktuellen Publikation von BREATH-Forschenden im Journal Respiratory Research. Das Team um Prof. Dr. Dr. Burkhard Tümmler und Prof. Dr. Felix C. Ringshausen untersuchte dabei die Frage, ob eine bislang unerkannte partielle CFTR-Dysfunktion zur Entstehung der Erkrankung beitragen könnte.
Um dieser Hypothese nachzugehen, nutzten die Autorinnen und Autoren die nasale Potentialdifferenz (nPD) als funktionelles Messverfahren. Die nPD ermöglicht es, die Aktivität des CFTR-Kanals direkt am respiratorischen Epithel unter definierten Stimulationsbedingungen zu untersuchen und so funktionelle Unterschiede zwischen Patientengruppen sichtbar zu machen. „Mit der nasalen Potentialdifferenz können wir die CFTR-vermittelte Durchlässigkeit der Zellwand für das negativ geladene Chlorid in vivo differenziert charakterisieren und insbesondere Übergangsbereiche zwischen normaler und deutlich eingeschränkter Funktion erfassen“, erläutert Erstautor Prof. Dr. Dr. Burkhard Tümmler, emeritierter Professor in der Klinik für pädiatrische Pneumologie, Allergologie und Neonatologie der MHH und langjähriger Experte auf dem Gebiet der CFTR-Forschung.
In der Studie wurden Patientinnen und Patienten mit idiopathischen Bronchiektasen sowohl mit gesunden Kontrollpersonen als auch mit Personen mit zystischer Fibrose verglichen. Dabei zeigte sich zunächst ein ähnliches Bild in der basalen Potentialdifferenz, was darauf hindeutet, dass die epitheliale Ionenleitfähigkeit im Ausgangszustand weitgehend unauffällig ist. Unter funktioneller Stimulation traten jedoch klare Unterschiede zutage. Die CFTR-vermittelte Chloridleitfähigkeit war bei den Bronchiektase-Patientinnen und -Patienten signifikant geringer als bei gesunden Personen der Kontrollgruppe, gleichzeitig aber deutlich höher als bei Patientinnen und Patienten mit klassischer zystischer Fibrose.
Dieses Muster setzte sich auch in der Verteilung der individuellen Messwerte fort. Ein erheblicher Anteil der Bronchiektase-Kohorte bewegte sich im unteren Normbereich der CFTR-Aktivität, ohne die diagnostischen Schwellenwerte einer zystischen Fibrose zu erreichen. Auch in zusammengesetzten diagnostischen Indizes wie dem Sermet-Score nahm die Gruppe eine klare Zwischenposition ein und ließ sich sowohl von gesunden Kontrollen als auch von CF-Patientinnen und -Patienten abgrenzen.
Vor diesem Hintergrund interpretieren die Autorinnen und Autoren ihre Ergebnisse als Hinweis auf einen intermediären CFTR-Phänotyp. Dieser fügt sich in das Konzept der sogenannten CFTR-related disorders ein, bei denen keine klassische zystische Fibrose vorliegt, aber dennoch eine klinisch relevante Einschränkung der CFTR-Funktion besteht. Die Daten legen nahe, die bislang als idiopathisch klassifizierten Bronchiektasen in dieses Spektrum einzuordnen.
Gleichzeitig wird deutlich, dass eine niedrige CFTR-Funktion nicht ausreicht, um die Erkrankung zu erklären. Vielmehr spricht vieles für ein multifaktorielles Geschehen, bei dem eine reduzierte CFTR-Funktion mit weiteren genetischen Prädispositionen, Umweltfaktoren oder wiederkehrenden Infektionen zusammenwirkt. Auffällig ist, dass die funktionellen Veränderungen auch bei Patientinnen und Patienten nachweisbar waren, bei denen zuvor kein spezifischer klinischer Verdacht auf eine CFTR-assoziierte Erkrankung bestanden hatte.
„Für die Betroffenen bedeutet das, dass wir idiopathische Bronchiektasen möglicherweise künftig differenzierter einordnen können. Eine funktionelle Charakterisierung wie die nPD könnte helfen, bislang verborgene Krankheitsmechanismen zu identifizieren und langfristig neue Ansatzpunkte für eine personalisierte Diagnostik und Therapie zu eröffnen“, sagt Letztautor Prof. Dr. Felix C. Ringshausen, Leiter der Mukoviszidose- und Bronchiektasen-Ambulanz und Oberarzt in der Klinik für Pneumologie und Infektiologie der Medizinischen Hochschule Hannover.
Die Ergebnisse tragen dazu bei, die bislang wenig verstandenen Mechanismen idiopathischer Bronchiektasen besser einzuordnen. Gleichzeitig unterstreichen sie den Stellenwert funktioneller Testverfahren wie der nPD-Messung, um verborgene pathophysiologische Zusammenhänge sichtbar zu machen und perspektivisch eine differenziertere Diagnostik innerhalb des Spektrums CFTR-assoziierter Erkrankungen zu ermöglichen.
Originalpublikation:
Tümmler, B., Schulz, A., Minso, R. et al. CFTR activity in nasal potential difference of adults with idiopathic bronchiectasis. Respir Res (2026). https://doi.org/10.1186/s12931-026-03599-1
Text: BREATH/AB
Foto: MHH/Figiel und MHH/Schweigler
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